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„Nie ohne Zahnbürste und Zigaretten.“ Zeitzeugenbericht über die DDR im Fachgymnasium
Oberkirchenrätin Annette-Christine Lenk, jetzt Mitglied der Kirchenleitung in Oldenburg, referierte auf Einladung von Schulpfarrerin Sabine Arnold über ihre Erfahrungen in der DDR. Zuvor arbeitete der Religionskurs des Jahrgangs 12 von Frau Arnold im ersten Schulhalbjahr über die friedliche Revolution von 1989 und den Beitrag der Kirchen.
Frau Lenk erzählte als Zeitzeugin von ihrem Leben als Berliner Pfarrerstochter. Sie wuchs auf in einer Familie, die in Ost und West lebte und auch nach dem Mauerbau die Kontakte intensiv pflegte. In der Grundschule verboten ihre Eltern die Teilnahme bei den Jungen Pionieren, später verweigerte sie selbst die Aufnahme bei der FDJ (Freie Deutsche Jugend, die staatliche Jugendorganisation in der DDR). Das hatte Konsequenzen: Trotz ausgezeichneter Noten durfte sie nicht auf die Erweiterte Oberschule und kein allgemeinbildendes Abitur machen. Nur durch zähe Verhandlungen des Vaters mit den Verantwortlichen in der Schule konnte Frau Lenk dann doch eine Berufsausbildung mit Abitur machen. Für das ursprüngliche Ziel, Medizin zu studieren, ließ sich dann aber trotz Unterstützung von Freunden kein Weg finden. Auch im Theologiestudium konnte Frau Lenk sich der vormilitärischen Ausbildung entziehen. Dennoch, die Bilanz von Frau Lenk: „Ich erzähle hier keine Horrorgeschichten und ich bin keine Märtyrerin gewesen!“ Mit Witz und Humor schilderte sie ihren Lebensweg, der dann aus Sicht der Schüler manchmal sehr belastend gewesen sein muss. „Wir waren ein System im System und haben uns da eigentlich gut eingerichtet.“ Das änderte sich auch nicht für die junge Gemeindepfarrerin in der Nähe von Halle an der Saale. Den Schülern stockte dann der Atem, als die Referentin von ihrer Verhaftung und den Verhören im Gefängnis von Hohenschönhausen bei Berlin berichtete. Auch wenn für Frau Lenk diese Situation keine Überraschung war: „Bei Rainer Eppelmann in der Jungen Gemeinde hatten wir uns auf diese Situation vorbereitet. Wir hatten die Verhörsituation in Rollenspielen geübt. Rainer Eppelmann hatte uns eingeschärft, nie ohne Zigarette und Zahnbürste aus dem Haus zu gehen.“ „Warum?“ fragten die Schülerinnen und Schüler des Religionskurses. „Das war nicht wie beim Tatort heute, wo der Kommissar dem Verhafteten eine Zigarette anbietet!“, erläuterte Frau Lenk. Zigaretten halfen die schwer erträgliche Verhörsituation durchzustehen und ohne sich die Zähne putzen zu können, fühlt man sich selbst sehr schnell sehr schlecht. Annette-Christine Lenk wurde morgens um halb vier vor die Gefängnistür gestellt wurde und war frei. Öffentliche Verkehrsmittel fuhren um diese Zeit nicht und so ist sie den ganzen Weg im Dunkeln zu Fuß nach Hause gegangen. Zum Glück passte die Mutter auf den kleinen Sohn auf, der noch ein Baby war. Die Schüler zeigten sich sehr beeindruckt, dass Frau Lenk diese persönlichen Dinge erzählte. „Sie scheut sich nicht, ihre Gefühle preiszugeben“; so Kim Wepelsiep. „Das erinnert ja sehr an die Situation im Film „Das Leben der Anderen“, kommentierte Derek Meyer. Nach den Gründen für den Fall der Mauer befragt, führte Frau Lenk aus, dass dies aus ihrer Sicht vor allem an der katastrophalen Lage der Wirtschaft lag. Nach dem Krieg plünderten die Russen ihre Zone aus, dann führte die herrschende Lehre dazu, dass sich keiner verantwortlich fühlte. Jeder nahm, was er kriegen konnte. Natürlich haben viele Menschen davon auch sehr profitiert. Ein Alkoholiker im Betrieb von Frau Lenk wurde beispielsweise morgens vom Meister des Betriebes persönlich zur Arbeit abgeholt.
Der Besuch hat außerdem neue Aspekte zum Thema eröffnet, meinte Jennifer Tönjes. „Mir hat gefallen, dass Frau Lenk die Rolle der Kirchen eher kritisch sieht. Im Unterricht kam das deutlich positiver rüber. Ein wirklich interessanter Nachmittag!“ Viele Schüler werden die Ausführungen über die Spitzelei unter Mitmenschen, den Organhandel von Ärzten an der Charite, den Giftschrank (in der DDR verbotene Bücher, die nur ausgewählte Menschen lesen durften) oder die Tatsache, dass Westdeutsche Bürger Angehörige aus der DDR gegen viel Geld kaufen konnten, nicht vergessen. Da sind sich Quynh Anh Ngo, Maren Windeler und Madita Kraps einig mit den anderen Kursteilnehmern.

Oberkirchenrätin Annette-Christine Lenk (2.von links) mit dem Leiter der BBS Herrn Oberstudiendirektor Gerhard Albers (3. von links) und Schulpfarrerin Sabine Arnold (ganz links) und einigen Schülern des Fachgymnasiums der Jahrgangsstufe 12.
Bericht von Sabine Arnold, 14.01.10 |